Ethik-Konferenz 5. September 2014

Lüge, Vertrauen und Verbindlichkeit: Welche Ethik vermittelt zwischen Wirtschaft und Gesellschaft? Mit diesem Thema beschäftigten sich hochkarätige Referenten aus  Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an der ersten CCRS Ethik-Konferenz vom 5. September 2014.

Zusammenfassungen der einzelnen Referate sowie der Argumente in der Podiumsdiskussion finden Sie in der erweiterten Zusammenfassung (inklusive Links zu den Videostreams):

Standpunkte und Grundkonsens

Die Eingangsreferate durch die Organisatoren der Konferenz (Prof. Dr. C. Schwarzenegger, Prorektor University Zürich; Dr. I. Kummert, President German Ethics Association; Dr. P. Aerni, Director CCRS) beschäftigten sich mit der Frage, ob ethische Missbräuche in der Wirtschaft wirklich durch mehr Regulierung bekämpft werden können. Dabei ist von unterschiedlichen Formen von Moral auszugehen:
Die Händler-Moral (Unternehmertum) und die Wächter-Moral (Regulierung). Die Händler-Moral ist oftmals dort zu finden, wo eigentlich die Wächtermoral Moral herrschen sollte, und vice versa ist die Wächtermoral dort anzutreffen, wo eine Händler-Moral sinnvoller wäre.

Die darauffolgenden beiden Hauptredner, Prof. Dr. P. Slovic (President of Decision Research and Prof. of Psychology University of Oregon, Eugene, USA) & Prof. Dr. R. Hertwig (Geschäftsführender Direktor Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin), beides international bekannte Forscher im Bereich kognitive Wissenschaften, zeigten anschliessend auf, wie wir uns bei ethischen Entscheidungen oftmals intuitiv auf Regeln der Erfahrung verlassen. Mit diesen Regeln liegt man oftmals richtig. Doch sie können auch unerwünschte Nebeneffekte aus ethischer Sicht haben. Zur Eliminierung / Minimierung dieser Nebeneffekte muss sowohl auf institutioneller Ebene (Mitberücksichtigung von heuristischen Regeln in der formellen Regulierung) als auch auf individueller Ebene (Werte-Diskussion vor Werte-Entscheidung) angesetzt werden.

Die Philosophen (Prof. Dr. M. Huppenbauer, Universität Zürich; Prof. Dr. D. Thomä, Universität St. Gallen; Prof. Dr. H. B. Schmid, Universität Wien) hielten darauf in Ihren Vorträgen fest, dass wir den Menschen in seiner Natur verstehen müssen:
Zu diesem Verständnis gehört auch der menschliche Hang zum Lügen. Doch diese Lügen müssen nicht immer ethisch problematisch sein, insbesondere wenn dadurch Mitmenschen geschützt oder in ihrer Würde nicht verletzt werden. Zudem hat bereits der Ökonom Adam Smith hervorgehoben, dass der Mensch soziale Gefühle in sich verankert hat, die auf natürliche Weise den Aufbau einer „mitfühlenden Gemeinschaft“ und die Sorge um den Mitmenschen ermöglicht. Dabei stellt sich die Frage, ob auch auch Organisationen wie Industrieunternehmen Gefühle haben können. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive kann man ihnen zwar keine Gefühle zuschreiben. Dennoch gibt es viele Anzeichen, dass gerade Unternehmen Gefühle generieren, die sich nicht auf blosses Marketing beschränken, wie in der Todesanzeige von Apple: Das Unternehmen ist über den Tod von Steve Jobs betroffen. Was bedeutet diese Annahme in Bezug auf Vertrauen, dass man solchen Strukturen / Organisationen entgegenbringt? Gibt es tatsächlich einen gefühlten Zusammenhalt, der weit über PR hinausgeht?

Am Nachmittag kam die Praxis zum Zug: Im Eingangsreferat von Prof. Dr. K.-J. Grün (Goethe Universität Frankfurt, Institut für Philosophie) wurde die Möglichkeit aufgezeigt, wie Vertrauen in Unternehmen durch einen „Hippokratischen Eid“ zurückgewonnen werden kann. Dieser müsse aber von allen Akteuren individuell und wahrhaftig verinnerlicht werden. Die allgemeine Formulierung „man“ sollte sich so und so verhalten, gaukelt ein Allgemeininteresse häufig nur vor und wird in Wahrheit zu Zwecken des Eigeninteresses missbraucht. An diese Stelle muss ein aus der Praxis empirisch abgeleiteter Negativkatalog von Verhaltensweisen treten, der es erlaubt, mögliche Versuchungen konkret zu benennen und Missbrauch zu verhindern.

So wäre ein Negativkatalog, auf den sich alle Akteure einigen können, glaubwürdig. Denn das Eigeninteresse wäre dann nicht bloss ein kurzsichtiges Partikular-, sondern ein Eigeninteresse, dass sich aus der Eigenverantwortung ableitet und auf diese Weise einem übergeordneten Allgemeininteresse dient.

Dieser Erkenntnisse stimmten auch die Teilnehmer der Panel-Diskussion zu, die im Anschluss stattfand (T. Forwe, Ethikverband der Deutsche Wirtschaft; G. Rossi, Board Member Julius Bär; S. Döbeli, Head Corp. Sustainability Management Vontobel & CEO Swiss Sustainable Finance; K. Serafimova, Head Finance Sector Enagement WWF; S. Fomm, CEO Syncon; J. Soth, Senior Advisor Sustainable Commodities, Helvetas): Zwar finden sie, dass gerade in der Finanzbranche noch mehr Transparenz durch zielführende Regulierungen in verschiedenen Bereichen notwendig ist. Auf der anderen Seite kann Transparenz auch exzessiv und nicht zielführend wirken. Gerade in der Bankenwelt erstreckt sich heute ein Geschäftsvertrag über mehrere hundert Seiten. Es bleibt aber offen, ob damit tatsächlich Missbräuche verhindert werden. Ausserdem stellt sich die Frage, wem diese Regulierungen nützen. Oftmals haben gerade die Kleinanleger immer weniger Zugang zu wichtigen Bankdienstleistungen aufgrund der aus den Regulierungen resultierenden Kostenerhöhungen.

Ein Fokus auf Regulierungen und damit auf Wächter-Moral kann auch das Vertrauen in das ethische, also eigenverantwortliche, Handeln des Unternehmers (Händler-Moral) unterminieren: Es wird mit der Wächter-Moral implizit angenommen, dass alle Wirtschaftsakteure nur kurzfristige Profitziele anstreben. Folglich könne diese Gier nur durch effektive Regulierungen gebändigt werden. Der nachhaltig erfolgreiche Unternehmer verfolgt jedoch langfristige Ziele. Er weiss, dass er Vertrauen aufbauen muss durch Tugenden wie Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Sparsamkeit, Fairness und den Willen zur Verbesserung. Diese Tugenden sind heute notwendiger denn je. Doch gerade sie können durch Regulierung nicht hervorbracht werden.

Im Schlussstatement von Dr. T. Streiff (Partner bei BHP - Brugger and Partners) und dem Schlussreferat von Alt Bundesrat M. Leuenberger ging es dann nochmals um Lüge und Ethik. Es wurde hervorgehoben, dass wir alle den Hang zum Übertreiben unserer Kompetenzen haben und somit dazu tendieren zu lügen. Doch schlussendlich zwingen uns auch die übertriebenen Anforderungsprofile in Ausschreibungen sowie die Tatsache, dass wir immer mit anderen in Konkurrenz sind, dazu, uns über unserem tatsächlichen Kompetenzwert zu verkaufen.

Lügen können aber durchaus Leben retten. Gleichzeitig kann das Insistieren auf einer bedingungslosen und alles entblössenden Wahrheit Leben auch zerstören.

Wir sollten uns daher gerade beim Thema Wirtschaftsethik darauf zurückbesinnen, dass die Wirtschaft von Menschen gemacht wird. Menschen setzen oftmals ihr unmittelbares Eigeninteresse mit dem Allgemeininteresse gleich, ohne sich darum zu kümmern, was andere von dieser Gleichsetzung halten mögen. Akteure in der Wirtschaft sind oftmals überfordert. Sie können menschlichen Versuchungen oft nicht widerstehen und schaffen dadurch Probleme für Wirtschaft und Gesellschaft.

Es gibt in der Wirtschaft aber auch einen anderen Menschentyp, weitsichtig, umsichtig und innovativ: Dieser ringt damit, die langfristigen Ziele des Unternehmens mit der Vision einer nachhaltigen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Damit sind diese Menschen Agenten des nachhaltigen Wandels. Sie widerstehen den täglichen materiellen Versuchungen, um ein langfristiges Ziel zu erreichen, dass nicht nur dem Unternehmen, sondern auch der Gesellschaft nützt. Es geht ihnen dabei weniger um ihr eigenes Image oder um die Befolgung von Gesetzen, sondern um die innere Überzeugung, dass nur ein solcher Weg in Eigenverantwortung erfolgreich und daher im Eigeninteresse sein kann.